Was meine Frau am Schreibtisch fand, während ich im Koma lag.
Einstieg
In seinem letzten WP-Letter hat Simon auf die Geschichte von Jose Velasco verwiesen. Eine Gruppe von Freunden versucht, das Online-Magazin einer Verstorbenen zu retten. Das Archiv ist da, die Zugänge nicht. Simons Kommentar dazu ist kurz. Sinngemäß: Solche Fälle zeigen mal wieder, wie wichtig es ist, rechtzeitig vorzusorgen. Er verweist außerdem auf sein Podcast-Interview mit Harry Martin von Ende 2024, „Selbstständige und der Tod”.
Ich habe diesen Newsletter im April gelesen. Liegend. Nach fast drei Monaten zuhause. Mit einer Wunde am linken Bein, die immer noch offen ist.
Bei dem Wort rechtzeitig musste ich kurz innehalten.
Denn ich hätte diesen Newsletter beinahe nicht mehr gelesen.
Was passiert ist
Es fing harmlos an. Im Oktober 2025 ist mir am linken Bein eine Krampfader aufgeplatzt. Im Krankenhaus genäht, wieder nach Hause. Nur: Die Wunde heilte nicht richtig. Im November platzte dieselbe Stelle innerhalb einer Woche zwei weitere Male auf. Jedes Mal genäht. Jedes Mal heim.
Im Dezember saß ich mit meiner Hausärztin und einer Wundmanagerin zusammen. Die Wunde war inzwischen rund zweieinhalb mal zweieinhalb Zentimeter und wollte partout nicht schließen. Ich bekam Verbandmaterial, Anweisungen und das Gefühl, dass das zwar lästig, aber beherrschbar sei.
Zu Weihnachten fuhren meine Frau, meine Tochter und ich 650 Kilometer zu meiner Schwiegermutter nach Mecklenburg. So machen wir das seit Jahren.
Am ersten Weihnachtstag fing ich an zu frieren. Abends legte ich mich aufs Sofa. In der Großfamilie meiner Frau treffen sich zu Weihnachten mehrere Generationen, und fast immer hat jemand eine Erkältung dabei. Ich dachte mir nichts.
Am zweiten Weihnachtstag blieb ich fast vollständig im Bett.
Ab hier habe ich für die nächsten fast drei Wochen keine Erinnerung mehr. Was folgt, weiß ich nur, weil meine Frau, meine Schwiegermutter und später die Oberärztin es mir erzählt haben.
Am 27. Dezember fiel meiner Frau auf, dass ich keine zusammenhängenden Antworten mehr gab. Sie rief einen Krankenwagen. Der wollte mich zuerst nicht mitnehmen. Zwei Sätze, die sie mir wortwörtlich berichtet hat:
„Der hat nur eine Erkältung, er muss sich nur ausschlafen.”
„Jetzt seien Sie mal nicht die überbesorgte Ehefrau.”
Meine Frau und mein Schwager haben so lange auf die Sanitäter eingeredet, bis sie einen Vorwand konstruiert hatten. Draußen sei Glatteis gewesen, ich sei gestürzt. Mit dieser Geschichte nahmen sie mich doch mit, ins Krankenhaus nach Hagenow. Dort wollte ich auf die Toilette gehen und brach zusammen. Erst das war für die Klinik der Anlass, mich genauer anzusehen. Ohne diesen Zusammenbruch hätten sie vermutlich mein Bein geröntgt. Festgestellt, dass nichts gebrochen ist. Und mich wieder entlassen.
Im Nachhinein betrachtet wäre das mein Todesurteil gewesen.
Am 28. Dezember wurde ich, nach Sichtung der Blutwerte, ins künstliche Koma versetzt. Schwere Sepsis. Am linken Bein war bereits viel Untergewebe abgestorben und musste entfernt werden. Das Antibiotikum schlug nicht an. Also legten die Ärzte Proben an, um zu bestimmen, was da alles in meinem Körper unterwegs war. Die Oberärztin hat es mir später so gesagt:
„Sie hatten da einen ganzen Zoo an Erregern.”
Meine Frau und meine Tochter mussten zurück nach Hause. 650 Kilometer. Also wurde schnell eine Betreuungsvollmacht eingerichtet, damit meine Schwiegermutter vor Ort Entscheidungen treffen konnte. Das war die erste Vollmacht, die in diesen Wochen gebraucht wurde. Es sollte nicht die letzte bleiben.
Einen Satz der Oberärztin habe ich erst später gehört:
„Auch wir Ärzte hatten die ersten 14 Tage kaum Hoffnung für Sie.”
Mit genau diesem Wissen im Kopf setzte sich meine Frau ins Auto und fuhr die 650 Kilometer nach Hause. In der Ungewissheit, ob sie mich noch einmal lebend sehen würde.
In den nächsten 14 Tagen saß sie an meinem Schreibtisch und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Sie bereitete sich auf den Worst Case vor.
Und genau an dieser Stelle beginnt das, worüber Simon schreibt.
Tatsächlich wurde ich nach etwas mehr als zweieinhalb Wochen aus dem Koma geholt. Ohne Luftröhrenschnitt, schneller als erwartet. Ich hatte überlebt. Ich hatte noch alle Gliedmaßen. Beides ist bei einer Sepsis nicht selbstverständlich, wie ich später gelernt habe.
Geistig war ich nach kurzer Zeit wieder voll da. Körperlich nicht. Nach vier Wochen im Liegen war meine Muskulatur so weit abgebaut, dass ich nicht einmal alleine aufstehen konnte. Als ich die Wunde am Bein das erste Mal selbst sah, fühlte sich das an wie der Blick in einen Krater. Über zwanzig Zentimeter lang, bis zu sieben Zentimeter breit, stellenweise vier Zentimeter tief. Dort, wo die Chirurgen das abgestorbene Gewebe entfernt hatten.
Am 28. Januar 2026 wurde ich entlassen. Das Krankenhaus hatte keinen Reha-Platz gefunden. Die Entscheidung fiel am 26. Januar. Meine Frau hatte also anderthalb Tage Zeit, um zu organisieren, dass ihr Mann als Pflegefall nach Hause kommt. Ich konnte nicht stehen, nicht laufen, nicht alleine auf die Toilette.
Wir haben Glück, dass wir in einem kleinen Ort leben, in dem sich alle im Gesundheitswesen kennen und miteinander reden. Physiotherapie, Hausärztin, Pflegedienst und Wundmanagerin ziehen seither an einem Strang.
Mein Reha-Antrag bei der Deutschen Rentenversicherung wurde abgelehnt. Begründung: Mit offener Wunde und ohne eigenständige Toilettennutzung sei ich nicht rehatauglich. Ich habe Widerspruch eingelegt, die Rückfragen beantwortet. Stand heute, fast drei Monate nach der Entlassung, ist das Thema offen.
Ich bin inzwischen fast drei Monate zuhause. Ich habe Pflegegrad 3. Jeden Morgen kommt der Pflegedienst zum Waschen und Anziehen. Aus eigenem Antrieb habe ich einen Arm- und Beintrainer organisiert. Ich kenne die Geräte aus früheren Reha-Aufenthalten und weiß, was sie bringen. Das Sanitätshaus hat drei Wochen gebraucht, bis er geliefert war. Seit Ostern trainiere ich damit. Das ersetzt keine Reha, aber die Muskulatur kommt ganz langsam zurück. Inzwischen stehe ich am Rollator auf und schaffe es einmal durch die Wohnung. Langsam. Mit Schmerzen im Knie, weil die Muskeln noch fehlen. Aber immerhin.
Gefühlt passiert trotzdem nichts. Jedenfalls nicht in dem Tempo, das ich gewohnt war.
Nur: Während ich nichts tun konnte, saß meine Frau an diesem Schreibtisch.
Was uns auf die Füße gefallen ist — analog
Ein paar Tage nach der Einlieferung war klar: Ohne Betreuungsvollmacht geht gar nichts. Meine Frau saß 650 Kilometer weit weg, meine Schwiegermutter vor Ort. Die Vollmacht sollte ihr erlauben, für mich Entscheidungen zu treffen, solange ich nicht ansprechbar war.
Was ich bis dahin nicht auf dem Schirm hatte: Für die Einrichtung einer Betreuungsvollmacht muss das Vermögen des Betreuten offengelegt werden. Das ist sinnvoll. Es schützt den Betreuten davor, dass die betreuende Person sich an seinem Vermögen bereichert. Verlangt wird alles: Immobilien, Fahrzeuge, Bankkonten inklusive Kontostand, Wertgegenstände.
Klingt überschaubar. War es nicht.
Mein Gehaltskonto hat meine Frau gekannt, zumindest die Bank. Das Konto ist aus historischen Gründen bis heute getrennt geblieben. Mein Gehalt landet dort, und ich überweise es monatlich von Hand auf unser gemeinsames Konto, von dem wir alle Ausgaben bestreiten. Daneben führe ich für ein angemeldetes Nebengewerbe ein eigenes Geschäftskonto. Von diesem dritten Konto wusste meine Frau nicht einmal, bei welcher Bank es liegt. Kontoauszüge liegen heute nicht mehr in einem Ordner, sondern als PDF auf meinem Rechner. Banking läuft per App auf meinem Handy, mit biometrischer Freigabe auf mich.
Meine Frau war komplett ausgeschlossen.
Keine Kontostände. Keine Möglichkeit, die Bewegungen der letzten Monate zu sichten. Keine Antwort auf die Frage, die für die Vollmacht beantwortet werden musste: Wie viel liegt wo?
Ähnlich lief es mit den Wertgegenständen. Die Vermögensaufstellung fragt auch danach. Ich arbeite seit Jahren komplett remote. Mein Arbeitgeber sitzt 400 Kilometer entfernt, die Hardware dafür steht bei mir im Arbeitszimmer. Meine Frau hat sich dort hingesetzt und versucht, eine Liste zu machen. Sie hat am Ende deutlich zu hoch geschätzt. Nicht aus bösem Willen, sondern weil sie nicht wusste, welche der Geräte im Zimmer mir gehören und welche mein Arbeitgeber gestellt hat. Wer von außen in ein Arbeitszimmer schaut, sieht Laptop, Monitore, Dockingstation und Homelab-Hardware nebeneinander. Für ihn sieht das alles gleich aus.
An dieser Stelle musste ich kurz innehalten, als sie mir später davon erzählt hat.
Ich baue seit Jahren Systeme. In der Firma gehöre ich zu denen, die Passwörter ordnen und Backups kontrollieren. Meine eigene Frau konnte nicht einmal den Kontostand meines Geschäftskontos herausfinden. Nicht weil sie es nicht durfte. Weil es für sie keinen Weg gab.
Und dann ist da noch etwas, was mir erst in den Wochen nach der Entlassung richtig bewusst geworden ist. Die Patientenverfügung meiner Eltern habe ich hier im Schrank liegen. Eine eigene hatten wir nicht.
Nicht weil wir das Thema nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Sondern weil man sich mit 56 nicht alt fühlt. Weil alles andere im Alltag lauter schreit und deshalb zuerst Aufmerksamkeit bekommt. Kundenprojekte. Termine. Die Wunde am Bein, die einfach nicht heilen wollte. Alles war dringender als ein Dokument, das man hoffentlich nie braucht.
Dann lag ich im Koma, 650 Kilometer von zuhause. Es gab keine Patientenverfügung, auf die sich jemand hätte berufen können.
Mit der Entlassung hörte das Vollmachten-Thema übrigens nicht auf. Als ich wieder zuhause war, musste ich bei der Krankenkasse eine Vollmacht hinterlegen, damit meine Frau in meinem Namen Dinge regeln und Auskunft bekommen darf. Ich lag im Wohnzimmer im Pflegebett. Alles drehte sich um Anträge, Folgeverordnungen und den Reha-Widerspruch. Ohne diese Vollmacht hätte meine Frau nicht einmal mit der Sachbearbeiterin sprechen dürfen.
Das war die analoge Seite. Sie war, wie sich herausstellen sollte, die einfachere.
Was uns auf die Füße gefallen ist — digital
Bei der digitalen Seite dachte ich, ich sei gut aufgestellt. Meine Passwörter liegen in einem Passwort-Manager. Zweifaktor-Authentifizierung ist dort aktiviert, wo sie angeboten wird, die Codes teilweise im Manager selbst, teilweise in einer separaten App. Ich dachte, das sei ordentlich. Ordentlich war es auch. Nur eben ordentlich auf mich allein zugeschnitten.
Irgendwann war ich motorisch und geistig wieder so weit, dass ich mein Handy bedienen konnte. Der Posteingang zeigte über neuntausend ungelesene E-Mails.
Die meisten waren harmlos. Newsletter, Rechnungen, Benachrichtigungen. Aber darunter waren die, die nicht auf Eigenlauf stehen.
Ich habe einige Dienstleister, die ihre Rechnungen per E-Mail schicken und nicht automatisch einziehen. Einer davon hostet eine größere Nextcloud-Instanz von mir. Die Rechnung lag im Posteingang. Ich war nicht da, um sie zu überweisen. Fast hätte ich die Instanz verloren, mit allen Dateien, Kalendern und Notizen, die darin liegen. Gerade noch rechtzeitig konnte ich zahlen.
Eine Domain habe ich tatsächlich verloren. Sie lag bei Namecheap, dort werden automatische Verlängerungen aus einem Guthaben-Konto bezogen. Das Guthaben war aufgebraucht, ich konnte nichts tun. Drei Wochen Koma und mehrere Wochen Krankenhaus reichten, um das zu verpassen.
Ein paar Cloud-Instanzen habe ich dann tatsächlich vom Krankenbett aus bezahlt. Man liegt in einer Klinik in Mecklenburg, die Wunde am Bein offen, und im Kopf tickt ein Countdown: Welche Zahlungsaufforderung wird als Nächste fällig, und was davon geht offline, wenn ich sie verpasse? Das ist eine Szene, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können.
Dann die biometrischen Schlösser.
Online-Banking und die App meiner Krankenkasse setzen zwingend auf Face ID. Ich habe bis heute keinen Weg gefunden, zusätzlich das Gesicht meiner Frau in diesen Apps zu hinterlegen. Was auf der einen Seite Sicherheit heißt, heißt auf der anderen Seite: Niemand außer mir kommt rein. Nicht einmal mit meinem Gerät in der Hand.
Die Rettung war in diesem Fall kein Dokument. Sie war ein Mensch. Meine Frau kennt meinen Arbeitskollegen. Über ihn hat sie Kontakt zu meinem Chef aufgenommen. Der hat es möglich gemacht, dass mein Gehalt in den kritischen Wochen direkt auf unser gemeinsames Konto floss und nicht wie sonst auf mein Gehaltskonto. Von dort hätte nur ich es weiterüberweisen können, und genau das konnte ich nicht. Ohne diese eine Entscheidung hätten wir die laufenden Kosten schlicht nicht bezahlen können.
Bei eBay hatte ich zum Glück keine offenen Auktionen. Dieser Satz ist einer von vielen, die so gefallen sind, als wir Wochen später zusammensaßen und aufräumten. Sie stehen alle stellvertretend für dasselbe: Ich hatte einfach Glück.
Und dann ist da meine Paperless-Instanz. Alle Rechnungen, alle Verträge, alle Versicherungsdokumente landen dort. Seit Jahren. Sauber getaggt, durchsuchbar, gebackupt. Ich habe versäumt, meiner Frau einen eigenen Zugang anzulegen. Und an meinen Passwort-Manager kam sie ebenfalls nicht heran.
Die komplette Dokumentenlage unseres Haushalts lag in einem System, zu dem nur ich Zugang hatte.
Das ist der Punkt, an dem ich wirklich erschrocken bin. Nicht während des Komas. Nicht vor der Wunde. Sondern beim Aufarbeiten all dieser kleinen Stellen, an denen mein ordentliches System jeden Tag weiterlief, während ich nicht konnte. Und an denen nur Menschen verhindert haben, dass mehr zusammenbricht.
Der Aha-Moment
Wochen später habe ich das alles zum ersten Mal als ein Muster gesehen. Nicht als Ansammlung lästiger Einzelfälle. Ich lag zuhause. Meine Frau hatte mir erzählt, was sie in den 14 Tagen an meinem Schreibtisch versucht hatte und wo sie jeweils aufgelaufen war. Ich hörte zu. Und merkte: Das Problem hat einen Namen, aber niemand spricht ihn aus.
Zwei Sätze beschreiben es.
Erstens: Zu viel von dem, was bei uns zuhause und in meiner Arbeit läuft, existiert nur in meinem Kopf. Welcher Dienstleister hostet was. Welche Domain liegt bei welchem Registrar. Welche Mail-Adresse gehört zu welchem Account. Welcher Schlüssel öffnet welches System. Das meiste davon habe ich in den letzten fünfzehn Jahren aufgebaut. Und nie richtig aufgeschrieben. Weil ich es ja im Kopf hatte.
Im Kopf hatte ich es auch. Nur war der Kopf drei Wochen lang woanders.
Zweitens: Selbst das, was ordentlich dokumentiert ist, liegt hinter einem einzigen Schloss. Alles ist digital abgelegt. Alles ist gebackupt. Die Daten sind sicher. Es gibt nur kein Backup für den Zugriff. Wenn ich ausfalle, kommt niemand an meine Daten. Auch nicht die, für die die Daten gedacht sind.
Das ist der Punkt, an dem ich aufgehört habe, über Nachlass als Projekt zu denken, das man „irgendwann mal” angeht. Nachlass ist kein Projekt. Es ist eine Eigenschaft eines Systems. Entweder ein System funktioniert auch ohne mich, oder es ist kein gutes System.
Ich baue Systeme beruflich seit über 35 Jahren. Die Regel kannte ich theoretisch. Ich hatte sie nur nie auf mein eigenes Leben angewendet.
Was wir seither angepackt haben
Vieles. Nicht alles. Die Liste ist ehrlich noch unvollständig.
Die Betreuungsvollmacht, die meine Schwiegermutter in Hagenow bekommen hatte, ist mit meiner Entlassung zuerst auf meine Frau übergegangen. Ein paar Wochen später wurde sie in Absprache mit dem Amtsgericht frühzeitig beendet, weil ich geistig wieder voll zurechnungsfähig war. Der administrative Ablauf dafür ist unaufregend. Dass die Vollmacht in der akuten Phase überhaupt rechtzeitig eingerichtet werden konnte, war es nicht.
Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung haben meine Frau und ich inzwischen gegenseitig aufgesetzt. Beide Dokumente. In beide Richtungen. Dass ich ohne eigene Patientenverfügung im Koma lag, während die meiner Eltern seit Jahren sauber abgeheftet bei uns zuhause im Schrank lag, ist eine Lektion, die ich nicht wiederholen muss.
Auch die Vollmachten bei der Krankenkasse sind jetzt gegenseitig. Meine Frau kann für mich mit ihrer Sachbearbeiterin sprechen, ich für sie mit der ihren. Keine dieser Vollmachten ist kompliziert. Man muss sie nur machen. Und man macht sie erst, wenn man den Druck kennt.
Was noch offen ist, weiß ich inzwischen auch. Meine Frau braucht einen eigenen Zugang zu meiner Paperless-Instanz, damit sie an die Dokumente kommt, ohne sich an meinem Account anmelden zu müssen. Mein Passwort-Manager braucht einen Notfallzugang für sie. Die Liste der Dienstleister, Domains, Keys und laufenden Verträge, die bisher nur in meinem Kopf existiert, muss in ein Dokument, an das sie ebenfalls herankommt. Nicht nur an die Daten. Auch an den Zugang.
Ein weiterer Punkt auf der Liste ist ein Bankschließfach. Die wirklich kritischen Zugangsdaten, die Master-Passwörter und die Notfall-Anleitung sollen dort liegen. Im Klartext. Nicht verschlüsselt, nicht hinter einem weiteren Schloss. Die Logik dahinter ist banal, aber sie ist mir erst in den letzten Wochen aufgegangen: Jede zusätzliche Verschlüsselung ist ein weiterer Zugang, den jemand im Ernstfall finden und bedienen muss. Das Schließfach ist kein High-Tech. Es ist genau das Gegenteil, und das ist der Punkt.
Und dann gibt es eine Kategorie, die ich bisher komplett unterschätzt hatte: laufende Verpflichtungen. Nicht die Rechnungen. Die eigentlichen Verträge. Ich habe alle Rechnungen sauber in Paperless. Welche Versicherungen ich habe, bei welchem Anbieter, mit welcher Vertragsnummer, mit welcher Kündigungsfrist, das steht nirgends zusammenhängend. Dasselbe gilt für Mitgliedschaften, für Abos, für die kleinen Dienste, die monatlich ein paar Euro abbuchen und nach zwei Jahren ernsthaftes Geld kosten. Diese Dokumentation fehlt noch. Sie ist als Nächstes dran.
Zurück zu Simons Satz
In Simons WP-Letter geht es um den digitalen Nachlass eines Menschen, der gestorben ist. Ich schreibe diesen Text noch lebendig. Aus dem Pflegebett im Wohnzimmer. Mit einer Wunde am linken Bein, die langsam, sehr langsam, zuheilt. Mit Muskeln, die nur langsam zurückkommen.
Die Grundfrage ist für Tote und Lebende dieselbe: Was passiert, wenn Sie selbst für ein paar Wochen, ein paar Monate oder für immer nicht ansprechbar sind? Wer kommt an Ihre Dokumente? Wer darf mit Ihrer Krankenkasse sprechen? Wer weiß, welche Rechnung nicht per Lastschrift läuft und welche Domain in drei Wochen verlängert werden muss?
Ich schreibe das nicht, um jemanden zu erschrecken. Und erst recht nicht mit dem Zeigefinger. Ich schreibe das, weil ich bis vor Kurzem selbst dieses laute „Wir sind ja noch jung” im Kopf hatte, das im Alltag alles andere übertönt. Ich bin 56. Bei mir hat eine kleine Wunde am Bein ausgereicht. Mehr brauchte es nicht.
Wenn Sie nach diesem Text eines tun: Nehmen Sie sich heute Abend fünfzehn Minuten und überlegen Sie, an welchem einen Punkt Sie hängen würden, wenn Sie morgen drei Wochen lang nicht ansprechbar wären. Nur an einem einzigen. Das reicht. Für heute.
Den Rest machen Sie morgen in den fünfzehn Minuten danach.
Anhang: Was ist eine Sepsis?
Eine Sepsis ist eine lebensbedrohliche Fehlreaktion des eigenen Immunsystems auf eine Infektion. Die Abwehr richtet sich nicht mehr nur gegen die Erreger, sondern schädigt den eigenen Körper. Organe werden minderversorgt, Gewebe stirbt ab, im schweren Verlauf versagen mehrere Organe gleichzeitig. Man spricht dann vom septischen Schock.
Die Infektion selbst kann klein sein. Eine Wunde am Bein reicht. Ein Harnwegsinfekt. Eine Lungenentzündung. Ein entzündeter Zahn. Entscheidend ist nicht der Auslöser, sondern die Reaktion des Körpers darauf.
Einige Zahlen zur Einordnung:
- In Deutschland erleiden nach aktuellen Schätzungen der Sepsis-Stiftung rund 500.000 Menschen pro Jahr eine Sepsis. Rund 140.000 davon sterben. Damit ist die Sepsis eine der häufigsten Todesursachen überhaupt, häufiger als Brustkrebs, Darmkrebs und Verkehrsunfälle zusammen. Die in den Kliniken als Sepsis kodierten Fälle liegen mit rund 230.000 pro Jahr deutlich niedriger. Fachleute gehen davon aus, dass ein großer Teil der Sepsis-Fälle nur als die ursächliche Infektion kodiert wird und in der Statistik deshalb untergeht.
- Bei einem septischen Schock steigt die Sterblichkeit mit jeder Stunde, die Diagnose und gezielte Therapie auf sich warten lassen, um mehrere Prozentpunkte. Jede Stunde zählt.
- Rund ein Drittel der Sepsis-Überlebenden stirbt innerhalb des ersten Jahres nach der Erkrankung.
- Bis zu drei Viertel der Überlebenden tragen Langzeitfolgen davon. Erschöpfung, kognitive Einschränkungen, Muskelschwund, Nervenschäden, Amputationen. Dafür gibt es den Begriff Post-Sepsis-Syndrom.
Die Symptome einer Sepsis ähneln zu Beginn oft einer schweren Erkältung oder Grippe: hohes Fieber oder im Gegenteil Untertemperatur, Verwirrtheit, sehr schnelle Atmung, niedriger Blutdruck, kalte und fleckige Haut, ein akutes Krankheitsgefühl. In meinem Fall war es die Verwirrtheit, die meiner Frau auffiel.
Wenn der Verdacht im Raum steht, zählt eines: 112 rufen und das Wort „Sepsis” im Gespräch mit Leitstelle oder Rettungsdienst aussprechen. Das verändert die Dringlichkeit, mit der Sie behandelt werden. Zurückhaltung ist an dieser Stelle nicht höflich, sie ist gefährlich.
Weiterführende Informationen und Materialien gibt es bei der Deutschen Sepsis-Hilfe e.V. und der Sepsis-Stiftung in Jena.
Anhang: Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Betreuungsverfügung — der Unterschied
Drei Dokumente, die im Alltag regelmäßig verwechselt werden und unterschiedliche Dinge regeln.
Die Vorsorgevollmacht ist ein privatrechtliches Dokument. Sie bevollmächtigen darin eine oder mehrere Personen Ihres Vertrauens, in Ihrem Namen zu handeln, falls Sie dazu nicht mehr in der Lage sind. Typische Bereiche: Vermögens- und Bankangelegenheiten, Verträge, Wohnungsangelegenheiten, Gesundheitsangelegenheiten. Eine Vorsorgevollmacht muss nicht notariell beurkundet werden, sollte aber mindestens schriftlich vorliegen und möglichst unterschriftsbeglaubigt sein. Für Grundstücks- und größere Vermögensentscheidungen kann eine notarielle Beurkundung nötig werden.
Der Sinn: Mit einer Vorsorgevollmacht vermeiden Sie im Ernstfall ein Betreuungsverfahren. Das Betreuungsgericht muss keine fremde Person als Betreuer bestellen, weil Sie selbst schon eine Person Ihres Vertrauens benannt haben.
Die Patientenverfügung regelt nach § 1827 BGB (vor der Reform 2023: § 1901a BGB) im Voraus, welche medizinischen Maßnahmen Sie wünschen oder ablehnen, wenn Sie sich nicht mehr selbst äußern können. Typische Themen: Reanimation, künstliche Beatmung, künstliche Ernährung, lebensverlängernde Maßnahmen. Eine Patientenverfügung ist am wirksamsten, wenn sie konkret formuliert ist und die wahrscheinlichen Behandlungssituationen benennt. Allgemeine Formulierungen wie „keine lebensverlängernden Maßnahmen” reichen laut Rechtsprechung oft nicht.
Die Betreuungsverfügung ist ein Vorschlag an das Betreuungsgericht, wer im Fall einer gerichtlichen Betreuung als Betreuerin oder Betreuer eingesetzt werden soll. Sie wird dann relevant, wenn es keine Vorsorgevollmacht gibt oder diese nicht ausreicht.
Wichtig zu wissen: Seit 1. Januar 2023 gibt es das Ehegatten-Notvertretungsrecht nach § 1358 BGB. Ehepartner und eingetragene Lebenspartner dürfen für bis zu sechs Monate in medizinischen Angelegenheiten füreinander entscheiden, wenn der andere krankheitsbedingt nicht entscheiden kann. Dieses Recht gilt automatisch und nur für diesen engen Rahmen. Es deckt keine Finanz- oder Vertragsangelegenheiten ab und gilt nicht für unverheiratete Paare. Eine Vorsorgevollmacht ersetzt es ausdrücklich nicht.
Kostenlose Formulare und verständliche Erklärungen stellt das Bundesministerium der Justiz bereit. Bei größeren Vermögen oder komplexen Familiensituationen lohnt sich der Gang zur Notarin oder zum Notar.
Dieser Text ist keine Rechtsberatung.
Links und weiterführende Quellen
Anlass des Beitrags
- Simon Kraft, WP-Letter #463 „Der Tod im Digitalen”: https://wpletter.de/archive/463/
- PressWerk-Podcast mit Harry Martin, „Selbstständige und der Tod” (Ende 2024): https://presswerk.net/pw063/
Sepsis — Information und Unterstützung
- Deutsche Sepsis-Hilfe e.V.: https://www.sepsis-hilfe.org/
- Sepsis-Stiftung (Jena): https://www.sepsis-stiftung.de/
- Aufklärungskampagne „Deutschland erkennt Sepsis”: https://www.deutschland-erkennt-sepsis.de/
- Weltsepsistag (13. September), Global Sepsis Alliance: https://www.global-sepsis-alliance.org/
Sepsis — Quellen zu den Zahlen im Anhang
- Sepsis-Stiftung, Zahlen zu Fällen und Sterblichkeit in Deutschland: https://sepsis-stiftung.de/sepsis-verstaendlich-erklaert
- Charité/UKJ/WIdO, Studie zu Sepsis-Langzeitfolgen (JAMA Network Open, Pressemitteilung auf Deutsch): https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/sepsis_langzeitfolgen_jahrelanger_behandlungs_und_pflegebedarf
- „Deutschland erkennt Sepsis”, Infoseite Sepsisfolgen: https://www.sepsiswissen.de/infozentrale/sepsisfolgen
Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Betreuungsverfügung
- Bundesministerium der Justiz, Broschüre und Formulare: https://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Broschueren/Betreuungsrecht.html
- Bundesanzeiger Verlag, Zentrales Vorsorgeregister (ZVR) der Bundesnotarkammer: https://www.vorsorgeregister.de/
- § 1827 BGB (Patientenverfügung): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1827.html
- § 1358 BGB (Ehegatten-Notvertretungsrecht, seit 2023): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1358.html
Digitaler Nachlass — Überblick und Werkzeuge
- Verbraucherzentrale, „Digitaler Nachlass”: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/digitale-welt/datenschutz/digitale-vorsorge-digitaler-nachlass-was-passiert-mit-meinen-daten-12002
- Apple — Nachlasskontakt einrichten: https://support.apple.com/de-de/HT212360
- Google — Kontoinaktivität-Manager: https://myaccount.google.com/inactive
- Facebook / Meta — Nachlasskontakt: https://www.facebook.com/help/1111566045566400

