Vor ein paar Wochen kam aus dem Nachbarort die Frage, wie wir das mit dem Dorfkino machen. Ob ich die Folien vom Kernfrankenfest-Vortrag rüberschicken kann.
Kann ich. Ich pack sie hier dazu. Und schreibe noch eine Kurzfassung mit, damit du nicht erst durch 14 PDF-Seiten klicken musst, bevor du entscheidest, ob das was für deinen Ort ist.
Den Vortrag habe ich am 3. und 4. Mai 2025 beim Kernfrankenfest gehalten, im Foyer der Sporthalle in Neuendettelsau. Damals war das Dorfkino elf Monate alt. Inzwischen ist es zwei Jahre alt, die Zahlen sind größer, das Modell ist noch dasselbe.
Was wir hier machen
Neuendettelsau hat 8.000 Einwohner und 18 Gemeindeteile. Ein Kino vor Ort gab es nicht. Die nächsten waren 14 bis 20 Kilometer weg, manche nicht mit ÖPNV erreichbar.
Im Mai 2024 wollten wir das Stadtradeln mit drei sonntäglichen Filmen begleiten. Drei Anfragen nach Vorführlizenzen rausgeschickt, drei Mal keine Antwort bekommen.
Dafür stolperte ich über die Webseite dorfkinoeinfach.de. Vier Wochen später lief der erste Film. „Ingeborg Bachmann — Reise in die Wüste”, am 8. Juni 2024 im Bürgertreff. Vierundzwanzig zahlende Zuschauer.
Heute zeigen wir regelmäßig Filme im Bürgertreff plus parallel im K7 in der Heckenstraße. Die Bilanz nach 23 Monaten liegt bei 156 Vorstellungen und über 2.200 Gästen. Drei Euro Eintritt für Kinder und Jugendliche, sechs Euro für Erwachsene. Manche Filme sind kostenlos für die Gäste. Etwa wenn wir in Kooperation zeigen und ein Partner die Kosten übernimmt. Oder bei Filmen ohne Verleih und ohne Lizenzgebühr, für die nur die GEMA-Anmeldung anfällt.
Wie das funktioniert
Das Modell dorfkinoeinfach.de ist die rechtliche und logistische Grundlage. Drei Punkte machen es für ein Dorf tragfähig:
- Keine Vorabkosten. Du bezahlst nur das Porto für den Medienversand. Kein Lizenzeinkauf, kein Mindestumsatz, keine Vertragsbindung.
- Einnahmen werden nachträglich aufgeteilt. Sechzig Prozent gehen an den Lizenzgeber, zwei Prozent an die GEMA. Achtunddreißig Prozent bleiben beim Veranstalter und decken Werbung, Snacks, Technik, Reparaturen.
- Rechtssichere Vorführung und Bewerbung sind erlaubt. Du kannst plakatieren, Flyer drucken, in der Lokalzeitung inserieren. Das Risiko, in eine Lizenz-Falle zu laufen, ist weg.
Der Filmkatalog deckt aktuelle Filme, Klassiker und Dokumentationen ab. Auch Titel, die erst wenige Wochen im regulären Kinostart waren. Die Petra-Kelly-Doku war bei uns drei Wochen nach Bundesstart auf der Leinwand.
Mehr ist es nicht. Wer das einmal verstanden hat, sieht im Wesentlichen ein Buchhaltungs-Modell. Kein technisches und kein juristisches Hindernis bleibt übrig.
Was du dafür brauchst
Was tatsächlich nötig ist, aus zwei Jahren in Neuendettelsau:
- Einen Raum mit Stuhlreihen. Bei uns ist das der Bürgertreff. Ein Vereinsheim, eine Aula, ein Gemeindesaal oder ein Foyer reicht. Eine Abdunklung hilft, ist aber kein K.-o.-Kriterium für den Anfang. Idealerweise kostet er nichts. Sonst steigt das finanzielle Risiko spürbar.
- Beamer, Leinwand, Sound. Wer das nicht hat, leiht es. In den meisten Dörfern sitzt das Equipment in der Schule, im Pfarrhaus oder beim Heimatverein. Eine eigene Anschaffung lohnt sich erst, wenn das Programm steht.
- Zwei bis drei Personen pro Vorstellung. Einlass, Snack-Verkauf, Technik. Bei uns sind es zwölf Ehrenamtliche im Wechsel. Auf eine einzelne Person darf das nicht hängen, sonst stirbt es im ersten Urlaub.
- Werbung im Ort. Den 2-Monats-Flyer haben wir an 19 Stellen ausliegen: Buchhandlung, Bücherei, Sparkasse, Bahnhof, Friseur, Eine-Welt-Laden und ein paar mehr. Plakate hängen im Schaukasten und in den Schaufenstern, mit denen die Inhaber einverstanden sind. Online laufen Crossiety, die Gemeinde-Webseite, das Amtsblatt und die regionale Zeitung.
- Snacks. Popcorn-Maschine und Slushy-Maschine waren bei uns schon da. Pflicht ist das nicht. Tüten-Popcorn aus dem Großhandel funktioniert genauso.
Wichtiger als die Technik sind die Verbindlichkeiten. Wir haben einen festen Spielplan ohne Lücken. Wer einmal ausfällt, dem trauen die Leute beim zweiten Mal nicht mehr.
Was daraus wurde
Was mich am meisten überrascht hat: Das Kino ist im Dorf zu einem Türöffner geworden.
Schon mit der Ankündigung des ersten Films kam die Anfrage aus den Wohngruppen der Diakoneo. Im Juli 2024 lief der erste Film dort. Aus dem internen „Wohngruppen-Kino” ist dann das K7 geworden, das Kino in der Heckenstraße 7. Offen für alle Menschen in Neuendettelsau.
Das Ferienprogramm der Gemeinde hat uns vier Vorstellungen abgenommen, beim Pippi-Langstrumpf-Sommer waren wir Kooperationspartner. Mit dem Mittwochs-Kino haben wir eine Weile gemeinsame Programm-Flyer gemacht, bis es pausiert hat. Mit der Augustana-Hochschule sind im Spätjahr 2025 die ersten Filme gelaufen.
Aus dem Kino sind weitere Projekte gewachsen: ein Bastelnachmittag mit der Diakoneo-Kunstwerkstatt im Advent, eine Bilderausstellung, Gespräche über ein Theaterprojekt. Aus Roßtal und Petersaurach kamen die ersten Anfragen, ob wir beim Aufbau eines eigenen Dorfkinos helfen können.
Was ich dir mitgeben würde
Drei Punkte, falls du das in deinem Ort starten willst:
- Fang klein an. Ein Film, ein Termin, ein Raum. Nicht erst die Reihe planen, dann die Technik kaufen, dann die Webseite bauen. Erst der Film, dann zeigt sich, was wirklich gebraucht wird.
- Nimm das Modell, das dich nicht in die Pflicht nimmt.
dorfkinoeinfach.deist nicht der einzige Anbieter, aber der mit dem geringsten Einstiegsrisiko. Wenn du etwas anderes findest, das ohne Vorabkosten funktioniert: nimm das. Auf keinen Fall mit eigenem Geld in Lizenzen gehen, bevor du weißt, ob die Leute kommen. Achte darauf, dass die GEMA-Anmeldung steht. - Plane das Team von Anfang an mit. Zwei Personen reichen für die erste Vorführung. Für ein dauerhaftes Programm brauchst du mindestens fünf, besser zehn. Die meisten Vereine haben die Leute schon. Sie wissen nur noch nicht, dass sie ein Kino machen wollen.
Folien zum Mitnehmen
Die kompletten Folien vom Kernfrankenfest-Vortrag stehen hier als Slideshow und als PDF zum Herunterladen bereit.
Wenn du Lust hast, im eigenen Ort etwas Ähnliches aufzubauen, schreib mir. Ich helfe gern beim ersten Schritt.

